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  • von Thomas Märtens

  • Hilfe bei Abdominalverletzung

    In diesem Artikel schildert Thomas Märtens die erfolgreiche Behandlung einer Brachypelma boehmei, die sich bei einem Absturz von der Seitenscheibe einen Riss im Bereich der Spinnwarzen am Abdomen zuzog.

    Die Vorkommnisse am 21. März 2006 haben mich dazu bewegt, diesen Artikel zu schreiben. In der Hoffnung, dass ich damit vielleicht ein paar anderen Spinnerinnen und Spinnern hilfreiche Tipps in Hinblick auf eine ähnliche Situation geben kann.

    Da ich während der ganzen Aktion meine Strategie immer wieder verfeinert und verbessert habe, möchte ich meine Erfahrungen im Sinne eines Erfahrungsberichts wiedergeben, anstatt in Form einer Anleitung - jeder muss irgendwie selber entscheiden können, wie er mit so einer Situation umgeht. Ich schildere hier mehrere Ansatzpunkte und Ideen, die alle irgendwie zur Lösung geführt haben/hätten, auch wenn ich mir beim ersten und hoffentlich einzigen Mal so eines Ereignisses, den optimalen Weg erst selber erarbeiten musste.

    Es begann alles mehr oder weniger harmlos, am Abend checkte ich noch kurz meine Terris und sah meine Brachypelma boehmei (adultes Weib, etwa 6,5 cm KL), wie sie an einer Terrischeibe in Richtung Beleuchtung hochkletterte, was für sie nichts ungewöhnliches ist, auch nicht, dass sie ab und zu mal von der Scheibe abrutschte. Leider fiel das Tier diesmal regelrecht von der Scheibe ab und knallte mit dem Abdomen auf ein Stück Korkrinde. Kurz nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte, sah ich das Unglück... ihr Abdomen war in Höhe der Spinnwarzen aufgeplatzt, bei jeder Bewegung floss eine klare Flüssigkeit (Haemolymphe) aus der Wunde, es war also offensichtlich, dass das Tier nun in großen Schwierigkeiten steckte. Da ich selber noch nicht mit so einer Situation konfrontiert wurde und nur in Büchern oder im Internet über mögliche Lösungen in so einer Situation gehört hatte, rief ich kurzerhand Andreas Mennigke an, um ein paar Hilfestellungen zu bekommen. Obwohl er auch selber noch nicht in einer solchen Situation gesteckt hatte, konnte er mir doch zahlreiche nützliche Tipps geben. Die Wunde musste irgendwie verschlossen werden, um ein Ausbluten der Spinne zu verhindern: Babypuder, Traubenzucker, oder noch besser Sprühpflaster mussten also her. Ich rannte schnell zur nächsten Apotheke, leider war es schon nach 19.30 Uhr und die hatte schon zu, also weiter zum nächsten Supermarkt, wo ich glücklicherweise wenigstens Puderzucker bekommen habe. Schnurstracks bin ich wieder nach Hause gerannt, um das Tier nun so gut wie möglich zu verarzten.

    Schon das Einfangen mit einer Heimchendose gestaltete sich als schwierig, nicht nur wegen der Terrieinrichtung, nein das Weib war natürlich auch auf dem Trip, mir ihr gesamtes Brennhaarreservoir entgegenschleudern zu müssen. Leider hatte ich nicht die Zeit, vor den Haaren in Deckung zu gehen, also entfernte ich alle unnötigen Terrieinrichtungen und konnte das Tier dann auch einfangen. Während des gesamten Vorgangs tropfte immer wieder „Blut" aus der Wunde und ich war mir nicht sicher, ob das Tier überhaupt noch zu retten sei.

    Nun musste erstmal die Blutung gestoppt werden. Nachdem ich die Heimchendose vorsichtig umgedreht hatte und sie nun auf dem Boden und nicht mehr auf dem Deckel saß, fixierte ich das Tier in der Heimchendose, indem ich mit meinem linken Zeigefinger vorsichtig den Carapax runterdrückte, was mir das Weib mit einer erneuten Ladung Brennhaare dankte. Nun schob ich die Spinne etwas nach vorne und platzierte die erste Ladung Puderzucker auf ihrem Hintern, da der Zucker aber nicht so richtig halten wollte, baute ich auf einer Seite der Heimchendose einen kleinen Hügel voll Puderzucker und drückte das Tier dann vorsichtig mit dem Abdomen dagegen, was zu funktionieren schien, da sich ein kleiner weißer feuchter Klumpen gebildet hatte, der die Wunde nun erstmal verschlossen hatte. Sicherheitshalber entfernte ich allen überflüssigen Puderzucker um zu verhindern, dass er in die Buchlungen kommt und verklebt, sonst hätte das Tier ersticken können. Beim Rausschaufeln des Puderzuckers ließ ich mit dem Druck auf den Carapax unvorsichtigerweise einmal etwas nach, was das Weib auch gleich nutze, um auszubrechen (kaum zu glauben, wie viel Kraft so eine adulte Spinne hat). Da ich es nicht riskieren konnte, dass sie unter einen Schrank oder die Couch kriecht, habe ich geistesgegenwärtig meine rechte Hand über das Tier gehalten. Hätte es mich beißen wollen, wäre das wohl der ideale Zeitpunkt gewesen. Da ich aber eine dunkle Stelle mit meiner Hand geschaffen hatte, blieb sie erstmal darunter sitzen und ich konnte das Tier zurücksetzen und die Heimchendose erstmal verschließen.

    Nachdem ich das alles erledigt hatte, ließ ich die Spinne erstmal in Ruhe, dummerweise rieb sie sich das Abdomen beim neuen Versuch, zu bombardieren und somit rieb sie auch den Puderzuckerklumpen wieder ab - ich stand also wieder genau vor meinem Anfangsproblem und die Wunde „suppte" wieder weiter und weiter... auch ein neuer Klumpen Puderzucker brachte nur kurz eine Verbesserung, nach dem nächsten Bombardiervorgang war auch dieser Klumpen wieder weg - so konnte ich das Problem also ganz offensichtlich nicht lösen.

    Andi hatte am Telefon ja auch Sprühpflaster erwähnt, also fragte ich beim Nachbarn und auch bei Patrick, einem meiner Arbeitskollegen nach, aber keiner hatte Sprühpflaster zuhause. Also blieb nur wieder die Option mit der Apotheke, leider hatten die ja schon alle zu, also suchte ich die nächste notdiensthabende Apotheke, die leider nicht in meiner Nähe war. Patrick hat mir daraufhin angeboten, extra dafür loszufahren und Sprühpflaster zu kaufen, was ich dankend annahm, da ich momentan kein Auto habe und sonst zu Fuß hätte laufen müssen. Ich wartete also solange auf das Pflaster und versorgte die Wunde noch mal mit einer neuen Ladung Puderzucker, damit das Tier nicht weiter ausblutete. Endlich kam dann nach ca. 20 Minuten das rettende Klingeln und Patrick hatte das Sprühpflaster dabei, ich konnte also einen hoffentlich nun dauerhaften Verband machen.

    Das Sprühpflaster enthält leichtentzündliche und nicht gerade gesundheitsfördernde Treib- und Lösungsmittel. Um das Tier beim Einsprühen nicht zu vergasen, musste ich es also aus der Heimchendose nehmen. Ich drehte die Heimchendose vorsichtig um, bis sich die boehmei auch gedreht hatte und auf der ausgebreiteten Zeitung auf dem Boden saß, nun hob ich die Heimchendose an und fixierte erneut den Carapax mit dem Zeigefinger der linken Hand, mit einem weichen Haarpinsel entfernte ich die gröbsten Puderzuckerreste, ohne die Wunde zu berühren, dann setze ich zum ersten Sprühvorgang an. Was nun passierte, war eigentlich vorprogrammiert, ich hatte zwar schön von oben gesprüht, um das Tier nicht komplett einzunebeln und zu verkleben, da der Sprühnebel aber mit Sicherheit nicht besonders warm gewesen ist, machte sie einen gewaltigen Satz nach vorne - ich musste erstmal abbrechen, da ich sie kaum noch halten konnte, da sie frei auf dem Boden saß, drehte sie sich auch noch dabei, so dass ich keine weitere Möglichkeit sah, das so fortzusetzen. Ich hatte einfach zu wenig Hände, meine Kollege beobachtete das Ganze skeptisch und aus sicherer Entfernung, ich wollte ihm aber nicht noch zumuten, die Spinne zu halten, oder mir da zu assistieren, daher musste eine neue Idee her. Ich stülpte erstmal wieder eine Heimchendose über sie, damit sie sich beruhigen konnte, nun musste ich etwas „erfinden", um das Tier mit einer Hand halten zu können, es fixieren zu können, es nicht mit dem Sprühnebel zu verkleben und mit den Treibgasen nicht zu ersticken, was sich als eine harte Nuss herausstellte.

    Kurze Zeit später kam mir wohl der genialste Einfall überhaupt, ich nahm eine leere Heimchendose und schnitt in den Boden ein rundes, daumendickes Loch, zusätzlich habe ich eine der vier Seiten halbkreisförmig eingeschnitten. Ich stülpte diese Heimchendose nun über das Weib, steckte meinen Zeigefinger durch das Loch im Boden (also das war nun oben) und konnte so den Carapax festhalten, nun verschob ich die Heimchendose so auf dem Boden, dass das Abdomen direkt aus dem halbrunden Loch auf einer Seite rausschaute. Auf diese Weise wirkte die Seite der Heimchendose wie eine Abklebefolie beim Airbrushen: Das, was ich besprühen wollte, schaute raus, der Rest nicht. Ich konnte also gar nicht versehentlich die Augen und Beine ansprühen, da nur das Abdomen aus der Box herausragte. Nun nahm ich die Sprühflasche und hielt ordentlich drauf, natürlich machte sie nun auch wieder einen Satz, sie stieß aber vorne gegen die Dose und wurde gebremst, so dass ich sie gut halten konnte. Die großen Löcher der Box hatten den positiven Nebeneffekt, dass die Lösungsmitteldämpfe besser entweichen konnten, sicherheitshalber fächerte ich trotzdem mit einem Prospekt Frischluft zu, auch damit das Sprühpflaster schneller trocknete. Zudem habe ich extrem aufgepasst, die Buchlungen nicht anzusprühen, was sicher eine Verstopfung zufolge gehabt hätte, das Risiko war aber aufgrund meiner Heimchendosenkonstruktion minimal. Die Sprühvorgänge wiederholte ich insgesamt dreimal, bis eine ordentliche Schicht auf der kaputten Stelle war, es „siffte" nun auch nicht mehr und ich war erstmal erleichtert. Auch nach einer erneuten Kontrolle konnte ich kein weiteres Auslaufen der Wunde mehr feststellen, dieser Part war also erstmal geschafft.

    Nun blieb noch die Frage, wie ich sie unterbringen sollte, auf keinen Fall wollte ich sie ins Terri zurücksetzen. Wenn sie noch mal von der Scheibe gefallen und auf die Wunde geknallt wäre, hätte das vielleicht ihr Ende bedeutet, daher habe ich nach einer flachen Box für die Nacht gesucht, damit sie gar nicht großartig klettern konnte. Eine alte Jahrmarktwaffelbox schien mir ideal zu sein, ich habe ein paar riesige Luftlöcher rein gestoßen, da das Sprühpflaster noch etwas ausdunstete, habe ich sicherheitshalber ein paar Löcher zusätzlich gemacht und dann Bodengrund reingepackt. Auf einen Unterschlupf in Form einer Korkröhre verzichtete ich aus Sicherheitsgründen erstmal, da ich vermeiden wollte, dass sie in der Nacht an rauen Oberflächen mit dem Abdomen entlang reibt und die Wunde vielleicht wieder aufreißt. Da sie viel Flüssigkeit verloren hatte, wollte ich etwas Wasser in der Box platzieren, aber auch hier hatte ich Bedenken, wenn sie in der Nacht über das Wasser wandert und sich mit dem Abdomen reinsetzt, könnte sie das Pflaster abspülen und die Wunde wäre dann vielleicht auch wieder offen. Um all dies auszuschließen, habe ich statt des Wassers einfach Wassergel genommen und in der Wasserschale platziert, durch das Gel hatte sie was zu trinken und es war einigermaßen sichergestellt, dass sich das Pflaster nicht wieder abwaschen würde - ich verschloss dann die Box, stellte sie beiseite, um dem Tier Ruhe von den Strapazen zu gönnen und beseitigte erstmal die Spuren der ganzen Aktion.

    Als ich zu Bett ging, stellte ich mir den Wecker auf 4 Uhr, ich wollte einfach noch mal im Laufe der Nacht nach der boehmei schauen. Für viele mag das sicher etwas übertrieben sein, aber irgendwie hänge ich schon an dem Tier, nicht nur wegen der Größe - sie saß noch an derselben Stelle, wie am Abend, da das für Spinnen ja nichts ungewöhnliches ist, nahm ich das so hin und ging wieder zu Bett. Am nächsten Morgen gab es wieder keine Veränderung, als ich die Box öffnete, zuckte sie aber ein wenig und als ich kurzerhand eine Korkröhre neben ihr deponierte und nach fünf Minuten noch mal nachgeschaut habe, war sie drunter verschwunden...sie hatte es also erstmal gepackt.

    Heute, mehr als drei Wochen später, ist sie immer noch wohlauf, mittlerweile hat sie sich geputzt und die Sprühpflasterschicht ist deutlich geringer geworden (nur der Spiegel glänzt noch ordentlich), da nach dieser langen Zeit aber auch ein natürlicher Wundverschluss eingesetzt haben sollte, sehe ich da keine großen Probleme mehr und ich bin sehr froh, dass ich das Tier retten konnte.

    Solltet Ihr also mal in die Situation eines verletzten Abdomens kommen, so ist das sicherlich nicht unbedingt ein Todesurteil für Euren Pflegling, wenn man rechtzeitig handelt und die Wunde verschließen kann, hat das Tier durchaus eine Überlebenschance, dies wollte ich mit diesem Artikel zum Ausdruck bringen.

    Welche Wege und welche Methode man wählt, bleibt jedem selber überlassen, eine 100-prozentige oder einzig wahre Lösung gibt es sicher nicht, genau so wenig, wie eine absolute Erfolgschance. Daher habe ich in diesem Text alle Erfolge, aber auch alle Misserfolge geschildert, die ich während dieser ganzen abendfüllenden Rettungsaktion hatte, ich musste immer wieder improvisieren, um zum Ziel zu kommen. Würde ich vor dieser Situation ein zweites Mal stehen, würde ich persönlich nun wie folgt an die Sache rangehen:

    Materialien:

    • Sprühpflaster
    • Zeitung
    • Schere
    • Heimchendosen

    Vorgehensweise:

    Tier mit Heimchendose (HD) einfangen, zweite HD mit Loch im Boden und an der Seite versehen, HD mit Tier auf Zeitung vorsichtig umdrehen, erste HD weg, HD mit Löchern drüber. Carapax mit linkem Zeigefinger durchs obere Loch festhalten, Abdomen durch das zweite Seitenloch stecken, oder zumindest in der Nähe platzieren. Sprühpflaster in mehreren Schichten auftragen, fertig.

    Zum Abschluss möchte ich noch Andi herzlich danken, der mich während der ganzen Aktion immer mal wieder telefonisch unterstützt hat und auch meinem Arbeitskollegen Patrick möchte ich danken, der mich mit Hansaplast Sprühpflaster versorgt und damit viele Liebe zu meinen Achtbeinern bewiesen hat.